Überleben

Anne Elisabeth Dobbs

Schwarzmann & Schwarzkopf

ISBN 978-3-862-65066-8

 

Anne Elisabeth Dobbs berichtet in dem vorliegenden Buch nicht vom Missbrauch, den sie durch einen Nachbarn und später durch einen Onkel erleben musste. Sie berichtet von ihrem Lebensweg, als 6-Jährige, als der erste Missbrauch begann bis hin zu ihrem aktuellen Leben, das sie mit ihrem Freund weit weg vom Ort der Straftaten in München führt.

Wie sie, unterstützt von Freunden, mit 14 Jahren dann endlich dem Missbrauch ein Ende setzen und gegen die Täter Anzeige erstatten kann, wie ihre Familie mit dem Vorgefallen umgeht und welche Folgen die beiden Gewalttaten für ihre Psyche und ihren Körper haben, erzählt sie anhand der Fakten, aber auch in Bezug auf die bei ihr dadurch ausgelösten Gefühle. Auch den Weg, der sie der Anzeigeerstattung bei der Polizei über ihre Glaubwürdigkeitsbegutachtung bis hin zum Prozessende führt, beschreibt sie detailliert. Der Prozess gegen den Onkel wird eingestellt, der gegen den Nachbarn mit einem Schuldspruch und einer Haftstrafe beendet.

Immer wieder deutlich wird beim Lesen ihr Werben um Verständnis für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen in Bezug auf ihre Ursprungsfamilie, die zumindest zum Teil offenkundig große emotionale Schwierigkeiten hat, den Missbrauch zu verarbeiten und eine tragfähige Beziehung zu ihr zu erhalten. Den Eltern und einem eventuellen erweiterten Hilfesystem möchte man das 2011 erschienene Buch von Dirk Bange „Eltern sexuell missbrauchter Kinder“ für das Verstehen der Dynamik empfehlen, so bedrückend erscheint die Hilflosigkeit der „Bilderbuchfamilie“.

Aus fachlicher Sicht erschrecken vor allem die immer wieder fehlenden fachlichen Kompetenzen – bei Lehrer*innen, Ärzt*innen, Polizist*innen, Psycholog*innen, Gutachter*innen, mit denen Dobbs zu tun hat. Kaum zu glauben, möchte man eigentlich ausrufen – wenn nicht vorliegende Untersuchungen, aber auch die Berichte, die die unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauch der Bundesregierung Frau Dr. Bergmann erhielt, in eine ähnliche Richtung weisen würden.

Es gibt viel zu tun! Qualifizierung für all diejenigen, die für Kinder Verantwortung tragen – Kindern, die sexuell missbraucht wurden, angemessen helfen zu können – fehlt nach wie vor. Dies deutlich zu machen, dazu kann dieses Buch vielleicht einen Teil beitragen.

 

Christine Rudolf-Jilg (AMYNA)

 

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