Eltern von sexuell missbrauchten Kindern

Dirk Bange

Hogrefe Verlag

ISBN 978-3-801-72357-6

Unzählige neue Bücher sind in den vergangenen Jahren zum Thema „sexueller Missbrauch“ erschienen. Und doch blieb ein wichtiger Aspekt bislang ausgespart: Eltern sexuell missbrauchter Kinder standen nie im Fokus der Fachdiskussion und Fachliteratur zu „sexuellem Missbrauch“. Obwohl sie häufig ein wichtiger Schlüssel dafür sind, das Kindeswohl zu sichern beziehungsweise zu verbessern. Umso verdienstvoller ist es, dass Dirk Bange nun dieses gut verständliche und leicht lesbare Buch geschrieben hat, in dem er wichtige Forschungsergebnisse v.a. aus dem Ausland (Deutschland ist da noch eine „Forschungswüste“) vorstellt, aber auch mit Zitaten von Eltern sexuell missbrauchter Kinder verknüpft und mit Leben füllt.

Einige Kapitel stellen Grundlagenwissen ganz allgemein zusammen und dürften für viele erfahrene Fachkräfte nichts Neues bringen. So die Kapitel „Definition und Fakten“, „Täterstrategien“ und „Missbrauch mit dem Missbrauch“. Trotzdem lohnt sich das schnelle Lesen, einiges ist neu und vieles kann wieder aufgefrischt werden.

Zwei Schätze beinhaltet das Buch auf alle Fälle: Der eine ist das tiefe Verstehen über die Situation nichtmissbrauchender Eltern von sexuell missbrauchten Kindern, das beim Durcharbeiten des Buches ermöglicht wird und die eigene Arbeit bereichern kann. Deren Gefühle, Ängste und Sorgen stellt Dirk Bange im vorliegenden Buch sachlich und nüchtern zusammen und doch ist es ein klares Plädoyer, Mütter und Väter in ihrer jeweiligen individuellen Situation mit all ihren Belastungen wahrzunehmen, Schuldzuweisungen kritisch zu reflektieren und da, wo erforderlich, passende Hilfen anzubieten. Nicht zuletzt deshalb, (auch hier liegen Untersuchungsergebnisse vor), weil Eltern, die ihre Kinder bei der Aufarbeitung gut unterstützen können, nachweislich dazu beitragen, dass es den betroffenen Kinder besser geht. Der zweite Schatz ist das zusammengetragene Wissen über den Aufdeckungsprozess (Disclosure-Prozess) und darüber, welche Faktoren zu einem gelingenden Disclosure beitragen können bzw. was für eine Aufdeckung hinderlich ist. Lange habe ich nach solch einer Zusammenstellung gesucht. Für alle Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, aber auch Kinder- und Jugendarbeit, gehört dieses Kapitel eigentlich zum Grundwissen, da überall dort, wo Kinder und Jugendliche sich aufhalten, eine Aufdeckung stattfinden könnte (und sollte). Ist es doch erschreckend, dass sich Studien zufolge nur circa ein Drittel bis die Hälfte aller Betroffenen während der Kindheit jemandem anvertraut. Hier gibt es noch viel zu tun!

Sehr gut gefallen hat mir, dass dann, wenn es geboten scheint, das heißt bei unterschiedlichen Untersuchungsbefunden, Eltern und Kinder mit Migrationshintergrund differenziert erwähnt werden – ebenso Eltern und behinderte Kinder. Besonders herausgearbeitet wurde, hierauf hat Bange ein besonderes Augenmerk gelegt, der Blick auf nichtmissbrauchende Väter, ihre Befindlichkeit, vor allem aber auch ihr Potential als Bündnispartner zum Schutz und zur Sicherung des Kindeswohls.

An den Schluss des Buches hat Bange dann die Tipps für die Praxis gesetzt. Hier finden sich umfangreiche Hinweise sowohl für Fachkräfte, die für Eltern Beratung und Therapie anbieten als auch für Fachkräfte der Jugendämter, die die Eltern sexuell missbrauchter Kinder bei der Sicherung des Kindeswohls einbeziehen müssen. Fachkräfte, die im Bereich der Elternbildung tätig sind, finden umfangreiche und anregende Hinweise zur Präventionsarbeit mit Eltern, von Zielen und Inhalten bis hin zu erforderlichen Strukturen und No-Gos.

Fazit: Das neue Buch von Dr. Dirk Bange ist ein must-have für all die Fachkräfte, die sich in ihrer Arbeit mit sexuell missbrauchten Kindern und deren nicht missbrauchenden Elternteilen (weiter) qualifizieren wollen. Für die Prävention von sexueller Gewalt, aber auch für die Bereiche Wissenschaft und Forschung gibt es eine Fülle von Hinweisen und Anregungen, was verbessert werden kann. Unbedingt kaufen und lesen!

Christine Rudolph-Jilg (AMYNA)

 

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