2005 Frau Dr. Burkert

praevpreisdrburkert2005 erhielt Frau Dr. Burkert für ihren engagierten und nachhaltigen Einsatz für den Schutz von Mädchen und Jungen den ersten AMYNA – Präventionspreis.

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Laudatio

Redemanuskript Christine Rudolf-Jilg (Mitarbeiterin AMYNA e.V.)

(Es gilt der gesprochene Text)

Sehr geehrte Frau Dr. Burkert,

sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, dass Sie heute alle (so zahlreich) erschienen sind, bedanken uns für Ihr Interesse an der Prävention und dafür, dass Sie durch Ihr Kommen der Veranstaltung einen würdigen Rahmen bieten. Namentlich begrüßen möchte ich […]

Ihr Kommen gilt sicher nicht zuletzt der Hauptperson, Frau Dr. Gertraud Burkert, die am heutigen Nachmittag den AMYNA-Präventionspreis 2005 verliehen bekommt.
Wir vergeben diesen Preis heuer erstmalig. Daher erlauben Sie mir, bevor ich zur Würdigung der Preisträgerin komme, einige Sätze über die Entstehung des Preises und über die Botschaft, die wir mit diesem Preis verbinden möchten.

Die Verleihung des AMYNA-Präventionpreises soll Zeichen setzen!

Als AMYNA sich vor über 16 Jahren in München gründete, wurde als Vereinsziel die Abschaffung von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen formuliert. Die Gründerinnen des Vereins hatten und haben die Vision einer Gesellschaft vor Augen, die frei ist von jeder Form von Gewalt, Sexismus, aber auch Rassismus. Viel ist geschehen in den letzten 16 Jahren. In den Anfängen von AMYNA war sexueller Missbrauch ein stark ausgeprägtes Tabuthema. Man sprach kaum darüber. Heute wird das Thema breit diskutiert, auch in den Medien und gerade bei diesem Thema ist der gesellschaftliche Konsens über alle Parteigrenzen hinweg überwältigend stark ausgeprägt. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen stößt bei nahezu allen Bevölkerungsgruppen auf Ablehnung. Ich denke wir dürfen ohne Übertreibung sagen, dass dies mit ein Erfolg der Einrichtungen ist, die seit Ende der 80iger Jahre dieses Thema an die Öffentlichkeit geholt haben, die gleichermaßen Hilfe für Betroffene eingefordert und präventive Möglichkeiten vermittelt haben.

Wie so oft birgt jedoch auch die Enttabuisierung dieses Themas seine Schattenseiten. Mit dem Wunsch sexuellem Missbrauch etwas entgegenzusetzen, vergrößert sich die Anzahl derer, die häufig gutwillig, manchmal aber auch aus schnödem Geschäftsinteresse heraus „etwas zum Schutz der Kinder tun wollen. Diese Entwicklung beobachten wir mit Sorge, denn vielfach werden Initiativen ohne die nötige Fachkompetenz gestartet.

An Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern stellt die zunehmende Angebotsvielfalt hohe Anforderungen. Denn sie müssen entscheiden, welche Angebote zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch erfolgreich sind. Ist es das Bilderbuch für die Kleinen, das kostenlos an der Grundschule an alle Kinder verteilt wird? Oder ist es der Selbstverteidigungskurs, den der pensionierte Polizeibeamte anbietet? Oder das Theaterstück, das die Schule für die Schüler/innen engagiert?

Immer wieder zu erläutern, worauf es bei der Prävention von sexuellem Missbrauch vorrangig ankommt, nämlich dass Erwachsene die Verantwortung für die ihnen anvertrauten Kinder verstärkt übernehmen, dies ist eine der Aufgaben unseres Instituts. Deutlich machen wollen wir trotzdem, dass gewisse Standards in der Präventionsarbeit nicht täglich neu zu diskutieren oder zu verhandeln sind. Daher hat der Verein AMYNA e.V. beschlossen, durch die Verleihung des AMYNA Präventionspreises darauf hinzuweisen, dass Prävention nicht beliebig sein kann und beileibe nicht zum Nulltarif zu haben ist.

Prävention hat ihren Preis!

Was muss Prävention leisten? Wie sehen qualitativ hochwertige und sinnvolle Präventionsangebote aus?

  • Kein Kind kann sich alleine vor sexuellem Missbrauch schützen – je jünger, umso weniger. Präventionsarbeit muss sich deshalb zuerst an Eltern und Fachkräfte wenden, die mit den Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Sie sind für den Schutz von Mädchen und Jungen verantwortlich und müssen gut informiert sein, um dieser Verantwortung nachkommen zu können. Gute Prävention nimmt also die Erwachsenen in die Pflicht!
  • Prävention brauch Interventionskompetenz! Präventionsarbeit kann immer auch aufdeckend wirken. Deshalb braucht jede Form von Präventionsarbeit Interventionskompetenz und muss mit entsprechenden Einrichtungen gut vernetzt sein. Gute Prävention bedeutet also immer auch gute Vernetzung mit anderen Einrichtungen vor Ort! Die Vermittlung von Interventionsmöglichkeiten muss am Kindeswohl orientiert sein und die rechtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen.
  • Prävention ist keine Eintagsfliege! Einmalige Präventionsangebote reichen weder für Erwachsene noch Kinder aus. Prävention ist eine Erziehungshaltung, die auf Fachkompetenz bzw. Wissen aufbaut. Insbesondere das Wissen zu Tätern, Täterinnen und Täterstrategien sind Voraussetzung, um den Erwachsenen realitätsbezogene und damit wirkungsvolle Ansatzpunkte für Prävention von sexuellem Missbrauch vermitteln zu können. Hier bezieht Prävention immer parteilich Stellung. Sie hat eine klare Haltung gegenüber Tätern und Täterinnen und macht deutlich, dass kein Kind, egal unter welchen Umständen der sexuelle Missbrauch stattfand, Schuld bzw. Mitschuld an dem Übergriff hat.
  • Gute Prävention ist rollen- und gesellschaftskritisch! Sie weiß um gesellschaftliche Strukturen, die Missbrauch begünstigen können und zeigt existierende Probleme auf, um Kinder und Jugendliche besser schützen zu können. Gerade die Weitervermittlung traditioneller Geschlechterrollen bergen Gefahren. Die Unterstützung der Entwicklung von Mädchen und Jungen, egal welcher Herkunft, zu gleichermaßen unabhängigen wie sozialkompetenten, selbstbewussten Individuen, unabhängig von tradierten Rollenbildern, ist ein Puzzlestein guter Prävention.
  • Prävention nimmt auch spezielle Risikogruppen ins Blickfeld und entwickelt passgenaue zielgruppenspezifische Angebote. Gute Prävention weiß, dass der Schutz von Mädchen und Jungen vor sexuellem Missbrauch nicht für alle Kinder und Jugendlichen gleich aussieht, sondern vielmehr eine komplexe, dauerhafte Aufgabe darstellt und es unterschiedliche Gefährdungssituationen gibt. Die Risiken und Gefährdungen sind z.B. abhängig von Alter, Geschlecht, Familiensituation, Behinderung, Aufenthaltsorten, Herkunft und Lebenssituation der Eltern und vielem mehr. Gute Prävention schert daher nicht alle Kinder und Eltern über einen Kamm! Gute Prävention ist daher immer auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, für bestimmte Zielgruppen sehr niedrigschwellig und wenn nötig auch aufsuchend!
  • Präventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist trotz allem Vorgenannten wichtig und dann sinnvoll, wenn sie von Menschen vermittelt wird, die sich mit der Thematik auskennen. Am besten werden präventive Inhalte in den Alltag in Einrichtungen und in den Familien integriert. Unterstützend können Präventionsprogramme wirken, lt. Internationalen Untersuchungen vor allem dann, wenn sie mehrmalig stattfinden und die Kinder sich aktiv durch praktische Übungen oder Rollenspiele beteiligen können
  • Und last but not least: Prävention macht Spaß und ermutigt, statt Angst zu machen! Gute Prävention versteht die Kunst, komplexe Inhalte und umfangreiches Wissen so zu vermitteln, dass Lösungswege und Ansatzpunkte im eigenen Leben sichtbar werden. Gute Prävention gibt Kraft und Energie zum langfristigen, differenzierten Schutz von Mädchen und Jungen, ohne auf schnelle einfache Rezepte zu setzen.

Weniger sinnvolle Angebote sind in unseren Augen also all die, die sich primär ausschließlich mit kurzen Angeboten direkt an die Kinder bzw. Jugendlichen richten, ohne in ein Gesamtkonzept der Prävention eingebunden zu sein. Das kann ein Theaterstück sein, das einmalig gezeigt, mehr Probleme und Ängste schafft, als Kinder wirklich zu unterstützen und zu schützen! Das kann ein Selbstbehauptungskurs sein, der Kinder, die sich als betroffen zu erkennen geben, nicht auffängt. Oder der, der Kindern oder Eltern nur Angst vor dem Fremdtäter macht und ihnen einige Abwehrtechniken beibringt, die im Zweifelsfall nichts nützen. Das kann aber auch ein Kurs in der Schule sein, in dem die Lehrerin mit Kindern zum Thema arbeitet, ohne wirklich zu wissen, an wen sie sich im Fall der Fälle hinwenden kann. Die Befürchtung ist angebracht, dass all diese Angebote Kindern und Jugendlichen mehr schaden als nützen, denn sie vermitteln eine Sicherheit, die in Wahrheit keine ist. Neben eigenen Kompetenzen, zu ihrem Schutz brauchen Mädchen und Jungen immer auch informierte Erwachsene, die wissen was zu tun, ist, wenn ihnen ein Kind von sexuellem Missbrauch erzählt. Und auch im Bereich der Prävention haben nur Erwachsene die Möglichkeiten das familiäre Umfeld und das Umfeld in den Einrichtungen in denen sich Kinder und Jugendlich aufhalten so zu gestalten, dass es für Täter und Täterinnen unattraktiv wird.

Die Stadt München hat früh erkannt, dass Prävention gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen einen festen Stellenwert braucht. Um aber die Idee tatsächlich in die Tat umsetzen zu können und über die Jahre hinweg Schritt für Schritt in der Jugendhilfe und in anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche zu verankern, braucht es Menschen an entscheidenden Stellen, die wirklich an der Thematik interessiert sind, die zuhören und sich kritisch auseinandersetzen.

Frau Dr. Burkert hat die Präventionsarbeit schon als Stadträtin, noch vor Übernahme ihrer Aufgabe als Bürgermeisterin, unterstützt. Als AMYNA vor vielen Jahren das Konzept für die Arbeit des Instituts in der SPD-Stadtratsfraktion vorstellte, war sie dabei und hat die Notwendigkeit dieser Arbeit bereits damals erkannt und betont. Sie unterstützte den Antrag auf Einrichtung der beantragten Personalstellen im Stadtrat und trug so maßgeblich dazu bei, dass das damalige „Projekt zur Prävention von sexuellem Missbrauch“, heute „Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch“ realisiert werden konnte. Deshalb hat die Mitrauenversammlung unseres Vereins im November 2005 einstimmig beschlossen Frau Dr. Burkert diesen erstmalig ausgelobten AMYNA-Präventionspreis zu verleihen.

Sie ist eine, die aus dem Stegreif zum Sinn und der Aufgabe von Prävention und zur Verantwortung von Tätern und Täterinnen referieren kann und dabei nicht falsch liegt. Die Verantwortung von Erwachsenen zum Schutz von Kindern hat sie immer wieder betont, aber auch selbst übernommen. Ihre klare und immer deutliche Parteinahme für Kinder und Jugendliche war ein herausragendes Merkmal ihrer Arbeit als Bürgermeisterin. Sie hat als Bürgermeisterin, weit über das normale hinaus, die Interessen von Kindern und Jugendlichen gegenüber Erwachsenen betont und deren Berücksichtigung eingefordert. Die Entwicklung eines kinderfreundlichen Klimas in der Stadt war ihr in all den Jahren ein Herzensanliegen. Als Vorsitzende des Kinder- und Jugendhilfeausschusses hat sie daher ebenfalls immer wieder die Interessen der Kinder und Jugendlichen betont und in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.

Als AMYNA, IMMA und der Frauennotruf vor mittlerweile vier Jahren die Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen“ als Präventions- und Interventionsprojekt vor und auf dem Oktoberfest installieren wollten, hat sie bereitwillig die Schirmfrauschaft übernommen und durch starke persönliche Unterstützung zur erfolgreichen Realisierung und Umsetzung des Projektes jedes Jahr beigetragen.

Frau Dr. Burkert wusste immer, dass Prävention kein „Schnellkurs für Kinder sein“ kann und sein darf und hat die Verantwortung von Erwachsenen immer wieder hervorgehoben. Als wir die Modalitäten der heutigen Feierstunde mit ihr besprechen wollten, meinte sie: „Prävention braucht Öffentlichkeit in der heutigen Zeit, organisieren Sie die Veranstaltung so, dass sie für Ihre Arbeit was bringt“.

Herzlichen Dank für diese Bescheidenheit und Ihre unbedingte Loyalität mit den Kindern und Jugendlichen, sehr geehrte Frau Dr. Burkert.

Frau Dr. Burkert, Sie waren uns in all den Jahren immer ein wohlwollendes, nie jedoch kritikloses Gegenüber. Bis heute haben Sie immer wieder deutlich gezeigt, dass Ihnen der Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch sehr am Herzen liegt. Wir, bei AMYNA, denken gerne an die vielen Jahre, in denen Sie uns und unsere Arbeit immer mit der nötigen Klarheit und Verbindlichkeit wahrgenommen und unterstützt haben. Wir möchten uns daher an dieser Stelle bei Ihnen im Namen des Vereins und Instituts, vor allem aber im Namen der Kinder und Jugendlichen in München bedanken, zu deren Schutz Sie kompetent, stark und verantwortungsbewusst beigetragen haben. Wir versprechen Ihnen, dass wir die Aufgabe des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch in München in Ihrem Sinn weiterführen werden und hoffen, dass Sie uns auch weiterhin gewogen bleiben.

Sehr geehrte Frau Dr. Burkert, wir freuen uns sehr, dass wir Ihnen heute als kleine Anerkennung und als kleinen Dank für Ihre herausragende Arbeit zum Schutz von Kindern und Jugendlichen in München den AMYNA-Präventionspreis 2005 als erster Preisträgerin überreichen dürfen!