2009 Kreisjugendring München-Stadt und Kreisjugendring München-Land

2009 wurde der Preis erstmalig an zwei verschiedene Einrichtungen vergeben. Den Preis erhielten der Kreisjugendring München-Stadt und der Kreisjugendring München-Land, da sie sich mit Nachdruck und bereits über Jahre hinweg dafür stark machen, dass die Kinder- und Jungendarbeit in München und im Landkreis München Kinder und Jugendliche umfassend vor sexuellem Missbrauch

Laudatio als PDF

Preisverleihung AMYNA Präventionspreis – Laudatio

19.05.2009

20098 preisverleihung_20096 Präventionspreis 2009

(Christine Rudolf-Jilg, Mitarbeiterin bei AMYNA, Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch)

Sehr geehrte Preisträger,
sehr geehrte Damen und Herren,

Herzlich willkommen bei AMYNA, im Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch.

Wir freuen uns, dass Sie heute erschienen sind und bedanken uns zuerst mal dafür, dass Sie durch Ihr Kommen nicht nur die Preisträger würdigen, sondern auch Ihr Interesse an der Präventionsarbeit deutlich zeigen.

Die Verleihung des AMYNA-Präventionpreises soll Zeichen setzen.

Immer wieder zu erläutern, worauf es bei der Prävention von sexuellem Missbrauch vorrangig ankommt, nämlich dass Erwachsene die Verantwortung für die, ihnen anvertrauten Kinder verstärkt übernehmen, ist eine der alltäglichen Aufgaben des Instituts. Uns ist wichtig, deutlich zu machen, dass gewisse Standards in der Präventionsarbeit nicht täglich neu zu verhandeln sind. Daher hat der Verein AMYNA e.V., der Träger des Instituts ist, beschlossen, durch die Verleihung des AMYNA Präventionspreises darauf hinzuweisen, dass Prävention nicht beliebig sein kann und beileibe nicht zum Nulltarif zu haben ist.

Was sind nun die Kriterien, anhand derer die Preisträger ausgewählt werden? Ich möchte Ihnen die drei Kriterien nennen, die bei den aktuellen Preisträgern ausschlaggebend waren.

1. Gute Prävention nimmt die Erwachsenen in die Pflicht!
Da sich kein Kind allein vor sexuellem Missbrauch schützen kann, muss sich Präventionsarbeit deshalb zuerst an pädagogische Fachkräfte, Ehrenamtliche und Eltern wenden. Sie sind für den Schutz von Mädchen und Jungen verantwortlich. Daher wählen wir als Empfänger des AMYNA-Präventionspreises in der Regel Einrichtungen aus, die in ihrem Verantwortungsbereich dauerhaft wirkende Präventionsmaßnahmen eingeführt haben, die sich vorrangig an die Erwachsenen wenden.

2. Gute Prävention schützt Kinder und Jugendliche in Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe vor sexueller Gewalt.
Wenn Kinder und Jugendliche pädagogische Angebote nutzen, ist die Aufmerksamkeit und Vorsicht von Eltern gegenüber hauptberuflichen, aber auch ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Bezug auf mögliche sexualisierte Grenzverletzungen meist relativ gering. Das Wissen, dass Täter und Täterinnen auch in Institutionen Kontakte zu Kindern und Jugendlichen anbahnen können, wird häufig ausgeblendet. Gehen wir jedoch davon aus, dass der pädagogische Arbeitsbereich Möglichkeiten für Übergriffe bietet, müssen wir im Umkehrschluss auch alles Menschenmögliche tun, um Kinder und Jugendliche in pädagogischen Einrichtungen vor sexualisierter Gewalt zu schützen. Der AMYNA-Präventionspreis hat daher als weiteres Kriterium die Anforderung, dass sich die Preisträger mit dieser Fragestellung auseinandersetzen, Maßnahmen entwickeln UND umsetzen, die der Gefahr des Missbrauchs innerhalb der Institution vorbeugen.

3. Gute Prävention berücksichtigt, dass es viele betroffene Kinder und Jugendliche gibt.
Forschungsergebnissen zu Folge erleben etwa 5-10% aller Jungen und 15-20% aller Mädchen einen sexuellen Übergriff im Laufe ihrer Kindheit bzw. im Jugendalter (Bange 2007). Dies bedeutet, dass (allein rein statistisch) in allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe davon ausgegangen werden muss, dass auch Betroffene diese Angebote nutzen und in diesem Rahmen u.U. Hilfebedarf signalisieren. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Institutionen müssen daher wissen, wie sie reagieren sollen, wenn sich ihnen Mädchen bzw. Jungen hilfesuchend anvertrauen. Auch dies ist eine Anforderung für die Vergabe des AMYNA-Präventionspreises.

Was können Träger von Einrichtungen nun tun um diesen Anforderungskriterien zu entsprechen und was davon wurde von den diesjährigen Preisträgern beispielhaft umgesetzt? Ich möchte zuerst die fünf wichtigsten Präventionsmaßnahmen aus unserer Sicht erläutern.

1. Eine gezielte Auswahl und Einstellung von ehrenamtlichen und hauptberuflichen MitarbeiterInnen

Um der Einstellung „problematischer“ Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vorzubeugen, ist es sinnvoll, bereits bei der Gewinnung bzw. Einstellung von Mitarbeitern bzw. Mitarbeiterinnen alle Möglichkeiten der Prävention auszuloten. So ist es zum Beispiel möglich, bereits durch Informationen auf der Website, bei der Stellenausschreibung oder beim Vorstellungsgespräch deutlich zu machen, welche Haltung die Institution zu diesem Thema hat. Dies schreckt Täter und Täterinnen erfahrungsgemäß eher ab. Ein weiteres Schutzelement ist es, Referenzen von vorherigen Arbeitgebern bzw. aus vorherigen Ehrenämtern zu erbitten und auch abzufragen.

2. Umfassende Fortbildungs- und Qualifizierungsangebote für hauptberufliche und ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
Die Aufgabe von Erwachsenen in Institutionen ist es, Mädchen und Jungen umfassend vor Missbrauch zu schützen und Hilfe zu leisten, wenn diese benötigt wird. Erforderlich ist es daher, dass alle Erwachsenen Hand in Hand arbeiten, damit dieser Schutz sichergestellt werden kann. Daher benötigen Träger von Einrichtungen differenzierte Schulungskonzepte.

3. Ein allgemeiner Verhaltenskodex für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und spezifische Schutzvereinbarungen
Ein Verhaltenskodex bzw. gemeinsame Leitlinien zum Verhalten formulieren für die gesamte Institution bzw. für den gesamten Träger verbindliche allgemeine Verhaltensregeln und stellen ein deutliches Bekenntnis zum Kinderschutz dar. Dies stärkt die Identifizierung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und wirkt zugleich abschreckend auf potentielle Täter und Täterinnen.
Ergänzt werden kann dieses eher allgemeine Bekenntnis durch konkrete Schutzvereinbarungen, die an den jeweiligen Arbeitssituationen ansetzen und innerhalb einer Institution bzw. eines Trägers durchaus unterschiedlich sein können. Wichtig ist dabei, dass diese Schutzvereinbarungen zwar vom Träger gewünscht werden können, jedoch von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gemeinsam für ihre spezifische Arbeit entwickelt, diskutiert und beschlossen werden müssen. Nur hier sitzen die Experten und Expertinnen, die wissen, was Übergriffe in ihrem Verantwortungsbereich möglich machen würde und was sie im Gegenzug verhindern kann. Auch hier möchte ich durch einige Beispiele zeigen, was dies für die Praxis bedeutet. Bei Freizeitmaßnahmen für Kinder oder Jugendliche kann z.B. die Schutzvereinbarung sein: „kein gemeinsames Duschen mit Kindern, getrennte Zimmer für Erwachsene und Kinder bei Freizeiten, keine verschlossenen Türen bei Einzelgesprächen mit Kindern bzw. Jugendlichen“. In einer Kinderkrippe hingegen wären Schutzvereinbarungen z.B. „gewickelt wird zu zweit, Fiebermessen mit Ohrthermometer, Erwachsene legen sich zum Mittagsschlaf nicht zu den Kindern“.

4. Ein internes Meldeverfahren im Verdachtsfall bzw. bei erwiesenen Fällen sexueller Gewalt
Die oben beschriebenen Maßnahmen, die eher vorbeugenden Charakter haben, werden vervollständigt durch ein klar festgelegtes und für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen festgeschriebenes Verfahren für den Fall eines Verdachts bzw. für den Fall eines erwiesenen Übergriffs. Da Maßnahmen der Prävention erfahrungsgemäß die Aufdeckungsrate erhöhen, ist es sinnvoll diese um klare Richtlinien zu ergänzen, wie innerhalb des Trägers mit einem Verdachtsfall umzugehen ist. Zudem sollten sie klar formulieren und beinhalten, wann und ggf. wie und durch wen externen Stellen hinzuzuziehen sind (Beratungsstellen, Jugendamt, Polizei). Bei Trägern und Einrichtungen, für die der §8a SGB VIII gilt, ist dieser natürlich zu berücksichtigen.

5. Ein Beschwerdemanagement für Kinder und Eltern
Nur wenn Kinder, Jugendliche und Eltern wissen, welche Leitlinien innerhalb des Trägers gelten und welche Vereinbarungen zum Schutz vor sexuellen Übergriffen getroffen wurden, können sie eine Sicherheit dafür entwickeln, wenn „irgendetwas falsch läuft“ und sich dagegen wehren. Dieses Korrektiv ist daher zentraler Bestandteil aller Präventionsmaßnahmen in Institutionen und sollte in den Präventionskonzepten daher beinhaltet sein. Die Information von Kindern, Jugendlichen und Eltern über Präventionsmaßnahmen des Trägers ist ebenso wichtig wie ein klar strukturiertes und formuliertes Beschwerdemanagement bzw. Beschwerdeverfahren. An wen wendet sich ein Kind bzw. ein Elternteil in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt?
Zentral bei all diesen Präventionsmaßnahmen ist, dass sie vom Träger bzw. der Leitung veranlasst werden und in die Struktur des Trägers eingebettet sind. Sie sind daher in den Grundzügen personenunabhängig und werden damit zur nachhaltig verankerten Prävention. Sie gehen gleichzeitig einher mit einer deutlichen Entlastung für einzelne Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und einer erhöhten Verantwortungsübernahme des Trägers. Dies bewerten wir als sehr effizient, da zahlreiche Maßnahmen, wenn sie in die Struktur eingebettet werden, dauerhaft greifen können und zudem, so unsere Erfahrungen, über die einzelne Maßnahme hinaus langfristig bewusstseinsverändernd und sensibilisierend wirken.
Alle diese Maßnahmen, die ich eben beschrieben habe, bedeuten viel Arbeit, sowohl bei der Entwicklung der Maßnahmen, der individuellen Anpassung, aber auch der langfristigen Umsetzung. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Institutionen, die auch nur mit einer Maßnahme beginnen, sich im Bereich der Prävention von sexueller Gewalt weiterentwickeln und damit in der Regel einen längerwährenden Qualifizierung- und Sensibilisierungsprozess in Gang setzen. Jede einzelne Maßnahme erhöht damit deutlich den Schutz von Kinder und Jugendlichen und verbessert nicht zuletzt das Vertrauen der Eltern in die Einrichtung.

Ich komme nun zur speziellen Würdigung der diesjährigen Preisträger.

Der Kreisjugendring München-Stadt hat sehr früh erkannt, dass Prävention gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen ein wichtiges Qualitätsmerkmal guter Kinder- und Jugendarbeit ist. Bereits bei der Einsetzung der Arbeitsgruppe „PräTect“ des Bayerischen Jugendrings im Jahr 1999 beteiligte er sich an der Bearbeitung des Themas. Eine eigene Arbeitsgruppe des Kreisjugendrings wurde dann 2006 durch einen Vorstandsbeschluss damit beauftragt, spezifische Maßnahmen der Prävention und Intervention für den Bereich der Offenen Kinder- und Jugendarbeit des Kreisjugendrings München-Stadt zu entwickeln. Entstanden ist in den sehr engagierten Arbeitsgruppensitzungen der vergangenen drei Jahre das Handbuch „§8a SGB VIII – Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung mit dem Schwerpunkt Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt“. Inhalt des Schwerpunktes sind wie bereits erwähnt ein Verhaltenskodex, der für alle MitarbeiterInnen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit gültig ist, Basisinformationen zu sexualisierter Gewalt und Täterstrategien, spezifische Meldeverfahren bei Übergriffen durch MitarbeiterInnen oder Jugendliche und Tipps für das Erstgespräch mit Kindern und Jugendlichen, die von einem Übergriff berichten wollen. Im allgemeinen Teil wird eine umfangreiche Handreichung zum §8a SGB VIII vorgelegt, wobei alle Texte im Hinblick auf Besonderheiten bei sexualisierter Gewalt differenzieren. Sofort nach Erstellung des Handbuchs wurden alle MitarbeiterInnen der offenen Kinder- und Jugendarbeit des Kreisjugendrings zu den Inhalten des Handbuchs umfangreich geschult.

Der Kreisjugendring München-Land begann etwa ein Jahr nach dem Kreisjugendring München-Stadt mit einem ähnlichen Vorhaben. Auch hier erhielt die Steuerungsgruppe des Kreisjugendrings vom Vorstand den Auftrag Maßnahmen der Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt speziell für den Kreisjugendring zu entwickeln. Waren die Inhalte anfangs ähnlich (als erstes wurde wie beim KJR München-Stadt ein Verhaltenskodex entwickelt), differenzierten sich die Maßnahmen dann schnell. Die jeweiligen Projektleitungen setzten auf Synergieeffekte und sprachen ab, dass die Materialien, die jeweils entwickelt wurden, dem anderen Kreisjugendring als Vorlage dienen sollten. Sowohl das Handbuch „§8a SGB VIII“ des Kreisjugendrings München-Stadt als auch das „Maßnahmepaket Prävention“ des Kreisjugendrings München-Land liegen heute vor.

Ausgesprochen genau regelt das Maßnahmepaket „Prävention“ des KJR München-Land was, durch wen, wann zu beachten und zu bearbeiten ist und stellt damit sicher, dass Prävention im KJR München-Land nie wieder als Eintagsfliege behandelt wird. Das Maßnahmepaket „Prävention“ wirkt flächendeckend auf alle Aufgabenbereiche des KJRs, d.h. die regionale Kinder- und Jugendarbeit, die Übernachtungshäuser, die Freizeiten des KJRs usw.. Neben dem Verhaltenskodex und einem strukturierten Vorgehen bei der Einstellung von MitarbeiterInnen und der Gewinnung von Ehrenamtlichen enthält er das ergänzte Merkblatt für Freizeiten des Bayerischen Jugendrings, umfangreiche Präventionsmaßnahmen für die Übernachtungshäuser und alle Einrichtungen der Jugendarbeit. Flankierend werden Kinder, Jugendliche und Eltern nicht nur über die Maßnahmen des KJRs informiert, sondern auch dergestalt einbezogen, dass momentan ein Beschwerdesystem installiert und eingeführt wird. Eine Präventionsbeauftragte stellt innerhalb des KJRs zukünftig sicher, dass alle Verantwortlichen regelmäßig informiert und mit den erforderlichen Materialien versorgt werden. Schließlich liegt ein zielgruppengenaues Qualifizierungskonzept vor, das alle Personengruppen, die innerhalb des KJRs tätig sind, regelmäßig und passgenau mit Schulungsangeboten berücksichtigt.
Ergänzt werden wird das Maßnahmepaket durch ein Handbuch zum §8a SGB VIII, ähnlich dem vorliegenden des KJRs München-Stadt. Die Steuerungsgruppe hat die Arbeit dazu bereits aufgenommen und ist zuversichtlich, diese Handreichung bis zum Jahresende fertig zu stellen. Insgesamt legt der KJR München-Land damit ein umfassendes Paket der Prävention und Intervention vor, das (fast) keine Wünsche aus Sicht der Prävention offen lässt.

Deshalb hat die Mitrauenversammlung unseres Vereins im November 2008 einstimmig beschlossen den Kreisjugendringen München-Stadt und München-Land für ihre langjährige Arbeit im Bereich der Prävention von sexualisierter Gewalt den AMYNA-Präventionspreis 2009 zu verleihen.

Beide Kreisjugendringe haben aus unserer Sicht den langwierigen und nicht immer einfachen Weg gewählt, Prävention, aber auch Intervention bei sexualisierter Gewalt so in ihren Strukturen zu verankern, dass Prävention nachhaltig und dauerhaft wirken kann und die verantwortlichen Erwachsenen in die Pflicht nimmt. Beide Kreisjugendringe sind damit bundesweit Vorreiter und beispielhaft auf diesem Gebiet im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Beide Kreisjugendringe haben über ihre Strukturen bei der Einführung der Maßnahmen in einem hohen Maße die MitarbeiterInnen beteiligt und einbezogen, was ein wichtiges Kriterium für den Erfolg der Maßnahmen darstellt. Aus Sicht von AMYNA verdienen daher beide den AMYNA Präventionspreis für nachhaltige und dauerhaft wirkende Prävention!

Wir freuen uns, dass es uns seit diesem Jahr möglich ist, nicht nur eine (hoffentlich) würdige Preisverleihung zu organisieren und den AMYNA Präventionspreis zu verleihen. Durch die freundliche Unterstützung und das Engagement von Frau Miriam Adolf-Betz von der Firma Betz-Chrom ist es möglich, den Preisträgern darüber hinaus einen Scheck im Wert von jeweils 1500 € zu überreichen. Wir freuen uns natürlich, wenn er – wie im Fall des KJR München-Land mit der optisch-freundlichen Gestaltung des „Maßnahmepakets Prävention“ bereits geschehen, im Bereich der Prävention etwas bewirkt.

Sehr geehrte Preisträger, wir freuen uns sehr, dass wir Euch heute als kleine Anerkennung und mit einem großen Dank für Eure herausragende Arbeit zum Schutz von Kindern und Jugendlichen verbunden, den AMYNA-Präventionspreis 2009 überreichen dürfen und bitten Euch jetzt, den Preis in Empfang zu nehmen.

 

2008 Städtische Kinderkrippen im Sozialreferat

2008 wurde der Präventionspreis den städtischen Kinderkrippen im Sozialreferat für nachhaltiges und engagiertes Umsetzen von Präventions- und Interventionsmaßnahmen zuerkannt.

Laudatio als PDF

Preisverleihung AMYNA Präventionspreis – Laudatio

22.04.2008

20086 praeventionspreis_2008_1 praeventionspreis_2008_2

Text der Laudatio (gehalten von Sibylle Härtl und Adelheid Unterstaller, beide MitarbeiterInnen bei AMYNA, Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch)

(es gilt der gesprochene Text)

Sehr geehrte Preisträgerinnen,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir möchten Sie ganz herzlich zur Verleihung des Präventionspreises hier bei AMYNA begrüßen.

Meine Kollegin Frau Unterstaller und ich freuen uns ganz besonders, dass die Mitfrauenversammlung des Vereins mit einstimmigem Beschluss unserem Vorschlag gefolgt ist, dem „Bereich Kinderkrippen der Abteilung Kindertagesbetreuung“ des Stadtjugendamtes den diesjährigen AMYNA-Präventionspreis zu verleihen.

Liebe Frau Berchtold, liebe KollegInnen aus dem Kinderkrippenbereich, meine Kollegin Frau Unterstaller und ich hatten in den letzten zehn Jahren viele Gelegenheiten den Bereich „Kinderkrippen des Stadtjugendamtes“ kennen zu lernen. In diesen Zusammenhängen haben viele von Ihnen mit uns beiden gearbeitet, daher dachten wir uns, Sie bekommen uns auch diesmal im Doppelpack. Wir haben also die Freude, heute gemeinsam die Laudatio auf Sie halten zu dürfen.

Ich werde nun zuerst kurz aufzeigen, an welchen Punkten wir in den letzten 10 bis 12 Jahren die Entwicklung der Kinderkrippen im Sozialreferat verfolgen konnten und was uns in diesen Jahren verbunden hat.

Als wir in den neunziger Jahren die erste Fortbildung mit dem Titel „Für Prävention ist es nie zu früh“ mit Krippenpersonal durchführten, bekamen wir von unserer Umwelt oft verwunderte und von Vorurteilen geprägte Reaktionen: „Ihr arbeitet mit Kinderkrippen? Ich würde mein Kind nie in eine Krippe geben“, sagte eine Freundin und: „Prävention mit Säuglingen – wie soll das denn gehen? Sollten uns diese negativen Reaktionen von anderen Fachkräften und FreundInnen irgendwie verun-sichert haben, so zeigten bereits die ersten Stunden der ersten Fortbildung, dass wir mit unserer Fortbildung „Für Prävention ist es nie zu früh“ in Ihren Einrichtungen goldrichtig lagen.

Was sich uns in Folge bot, war absolut faszinierend und unterschied sich deutlich von dem, was wir vorher in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung für ältere Kinder kennen gelernt hatten.

In dieser Fortbildung fanden sich nämlich überdurchschnittlich viele Kolleginnen, die uns deutlich vor Augen führten, wie wichtig es ihnen ist,

  • Mädchen und Jungen ganzheitlich mit all ihren Facetten wahrzunehmen,
  • Kinder als kleine Persönlichkeiten zu betrachten und zu achten,
  • äußerst kreativ daran zu gehen, zu verstehen, was gerade auch Kinder im vorsprachlichen Bereich durch Weinen, Lachen, Strampeln, Wegdrehen mitzuteilen versuchen
  • und nicht zuletzt haben wir Kolleginnen vorgefunden, die sich nicht scheuen, im Ernstfall auch Hilfemaßnahmen für die Kleinen einzuleiten.

Dieses Bild wurde uns in späteren Veranstaltungen immer und immer wieder bestätigt, aber dazu später mehr.

Es blieb also nicht bei dieser einen Fortbildung. Bis zum heutigen Tag gibt es eine Vielzahl von Angeboten, die wir für den Bereich Kinderkrippen erarbeitet und konzipiert haben. Die Abteilung Kinderkrippen zeigt damit, wie intensiv ihr Interesse an dem Thema „Prävention von sexuellem Missbrauch“ und Verbesserung des Schutzes von Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt ist.

Ich möchte Ihnen hier gerne kurz einige der Themen vorstellen, mit denen sich die KollegInnen aus dem Bereich Kinderkrippen in den letzten gut zehn Jahren auseinandergesetzt haben. Während sich die vorhin bereits erwähnte Fortbildung „Für Prävention ist es nie zu früh“ mit den pädagogischen Handlungsmöglichkeiten in der Kinderkrippe auseinandersetzte, zielten viele der weiteren Angebote darauf ab, Prävention auch strukturell zu verankern.

2001 wurde in München nach der Vergewaltigung eines Mädchens in einer Grundschule viel darüber diskutiert, welche Maßnahmen für eine Verbesserung des Schutzes von Kindern sinnvoll sind. Auch die Abteilung Kinderkrippen setzte sich in dieser Zeit mit der Frage auseinander, welche strukturellen, d.h. langfristig in die Organisationsstruktur verankerte, Maßnahmen zum Schutz von Kindern in den Kinderkrippen greifen können. Der Vortrag „Täterstrategien und daraus resultierende Präventionsmaßnahmen“ an dem 52 Leiterinnen und stellvertretende Leitungen teilnahmen, diente hier einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema.

Dies war jedoch nur der Anfang. Der Bereich Kinderkrippen arbeitete danach weiter an der Verbesserung der strukturellen Verankerung des Themas. Alle ein bis zwei Jahre wird mittlerweile die Fortbildung „Qualität durch Klarheit – Die Rolle der Leitung von Kinderkrippen beim Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt“ durchgeführt. Dieses Angebot wurde inzwischen von sicher 35 Leiterinnen und stellv. Leitungen wahrgenommen.

Danach folgte das Angebot „Prävention von sexuellem Missbrauch durch haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen“ v.a. für die Kolleginnen aus der Leitungsebene und der Steuerung. Damit setzte der Bereich Kinderkrippen ein Signal, dass der Schutz der Kleinen auch weiter gedacht wird, denn dieser Präventionsbereich zielt darauf ab, zu verhindern, dass pädosexuelle Täter und Täterinnen ihr Handlungsfeld als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einer Kinderkrippe suchen.

Neben dieser vielfältigen Auseinandersetzung, die von der Leitungsebene, in diesem Fall Frau Sterr als Zuständige für die Qualifizierung des Personals, initiiert und von dem Personal zahlreich angenommen wurde, gab es auch eine Reihe von Veranstaltungen, die direkt von den Teams der einzelnen Krippen organisiert waren. So wurden in den letzten 10 Jahren zahlreiche Teamfortbildungen und Elternabende zum Thema „Prävention von sexuellem Missbrauch durchgeführt“.

All dies gibt nur einen kleinen Einblick in die Themenvielfalt der Fortbildungen, mit denen sich das Personal aus den städtischen Kinderkrippen in den vergangenen Jahren auseinandergesetzt hat. Sie sehen, das Personal ist hier sehr aktiv. Aber was heißt das im Detail? Welche Grundlagen braucht es für die Prävention? Und wie wirkt sich das auf diese Prävention mit den Kindern aus? Wo setzen die städtischen Kinderkrippen an? Dazu wird Ihnen meine Kollegin Frau Unterstaller nun mehr erzählen.

Prävention ist ja ein anspruchsvolles Geschäft, wenn ich das mal so behaupten darf. Gab’s in den 80iger und 90iger Jahren noch die Vorstellung oder Hoffnung, Kinder könnten sich selbst vor sexuellem Missbrauch schützen, wenn ihre Widerstands-fähigkeit mit ein paar Rollenspielen gestärkt wird, so wurden wir alle spätestens durch die umfangreiche Forschung zu Tätern und deren Strategien Mitte der 90iger rasch und nachhaltig eines Besseren belehrt.

Das Wissen darum,

  • dass Täter keineswegs nur Fremde oder Väter sind, sondern beispielsweise auch an den Babysitter, den Kinderarzt oder den Schuldirektor gedacht werden muss,
  • dass nicht nur Männer Täter, sondern auch Frauen Täterinnen sein können,
  • dass Täter und Täterinnen sehr geplant vorgehen
  • und vor allem, dass sie mit ihren Strategien nicht nur in der Lage sind, die Kinder in die Missbrauchsdynamik zu verwickeln, sondern vielfach auch das soziale Umfeld der Kinder – Eltern wie pädagogische Fachkräfte – erfolgreich manipulieren,

hat den Präventionsgedanken nachhaltig verändert: Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen kann nicht in erster Linie heißen, den Mädchen und Jungen die Verantwortung für ihren eigenen Schutz zu übertragen. Prävention muss immer an vielen Stellen ansetzen, die Verantwortung liegt immer bei den Erwachsenen. Um Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, braucht es ein engmaschiges Netz von informierten und interessierten Erwachsenen, die wissen, worauf sie achten sollen und wie sie handeln können.

Im Zentrum steht nach wie vor die Stärkung von Mädchen und Jungen. Dass diese nicht in einmaligen Programmen, sondern nur im Alltag der Mädchen und Jungen wirklich nachhaltig geschehen kann, liegt eigentlich auf der Hand. An dieser Stelle verbindet sich Prävention von sexuellem Missbrauch auch mit anderen Fach-gebieten, beispielsweise mit der Suchtprävention oder der Resilienzforschung, also dem Fachgebiet, das sich mit der Frage beschäftigt welche Stärken und Kompetenzen den Kindern am besten helfen, Risikolagen ihrer Entwicklung zu bewältigen.

Daneben liegt es in der Verantwortung der Erwachsenen, darauf zu achten, dass Dritte in ihrer Gegenwart die Grenzen der Kinder, die sich in ihrem Verantwortungs-bereich befinden, achten. Es ist bekannt, dass viele Täter und Täterinnen, Kinder und deren Umfeld mit kleineren Grenzverletzungen austesten, dass also erste Übergriffe durchaus vor den Augen anderer Erwachsener stattfinden können. Das offensive Eintreten von Erwachsenen für die Rechte von Kindern und für die Achtung der Grenzen der Kinder ist eine nicht zu unterschätzende präventive Strategie.

Und hier geht es um alle Kinder, egal ob Mädchen oder Junge, egal welche Herkunft und welchen sozialen Hintergrund ein Kind mitbringt, egal welche Fähigkeiten und Behinderungen ein Kind hat. Jedes Kind ist es wert, dass wir für seinen Schutz eintreten.

Darüber hinaus liegt es in der Verantwortung von Institutionen, dafür Sorge zu tragen, dass sich pädosexuelle Täter und Täterinnen nicht als MitarbeiterInnen oder als PraktikantInnen Zugang zu einer Einrichtung verschaffen können. Auch hier wurden in den letzten Jahren u.E. wirkungsvolle präventive Strategien entwickelt, die Einrichtungen diesem Problem entgegensetzen können.

Nicht zuletzt braucht Prävention immer auch „Interventionskompetenz“. D.h. Erwachsene, die ein Kind schützen wollen, müssen auch wissen, was sie tun, wenn ein Kind sich ihnen anvertraut oder wenn sie andere Anhaltspunkte haben, die auf einen sexuellen Missbrauch hindeuten könnten. Sie müssen wissen, wie sie das Kind selbst unterstützen können, wie sie den weiteren Schutz des Kindes gewährleisten können, an wen sie sich wenden können, welche Fehler sie vermeiden sollten und welche weiteren Schritte sinnvoll sind.
Nimmt eine Institution den Auftrag Prävention ernst, dann reicht es also bei weitem nicht, dieses Feld an eine einzelne Mitarbeiterin zu delegieren. Auf jeder Ebene der Einrichtung müssen Bedingungen geschaffen werden, die eine verbindliche Verankerung des Präventionsgedankens ermöglichen. Und damit wird vielleicht auch schon deutlich, was dieser fachliche Exkurs in einer Laudatio soll:

Sehr geehrte Frau Berchtold, liebe Frau Sterr, liebe Fachbereichsleiterinnen und all die anderen, die zum Gelingen der Arbeit des Fachbereichs Kinderkrippen beitragen: bereits zu Beginn unserer Zusammenarbeit haben wir bei Ihnen Bedingungen vorgefunden, die einen „fruchtbaren Boden“ für die Prävention von sexuellem Missbrauch darstellten.

Als wir Ende der 90iger Jahre die ersten Fortbildungen mit den Krippen-mitarbeiterinnen durchgeführt haben, war Ihr Modellprojekt „Sucht beginnt im Kleinen“, das Sie in sieben Ihrer Krippen durchgeführt und evaluiert haben, bereits abgeschlossen. Dass die dort erarbeiteten Grundsätze nicht nur auf dem Papier standen, sondern von den Erzieherinnen ernst genommen und umgesetzt wurden, konnten wir bei den Fortbildungen immer wieder feststellen. Dass z.B. Prävention ein kontinuierlicher Prozess sein muss, in den Kinder, Eltern und Fachkräfte gleichermaßen einbezogen werden müssen und dass dieser Prozess in frühester Kindheit begonnen werden muss, war für die Teilnehmerinnen bereits eine Selbst-verständlichkeit.

Auch dass eine gut begleitete Eingewöhnungszeit der Kinder in ihr Krippenleben ein wichtiger Ausgangspunkt für jegliche Art der Prävention ist, weil Krippenkinder Zeit brauchen, verlässliche Bindungen aufzubauen und gute Präventionsarbeit eben diese Bindungen braucht, ist bei den Mitarbeiterinnen der Krippen der Fachabteilung, mit denen wir in den vergangenen Jahren zu tun hatten, ein wesentliches Gütekriterium. An viele der bereits in den Einrichtungen erarbeiteten und umgesetz-ten Inhalte der Suchtprävention konnten wir mit unseren Inhalten nahtlos „andocken“.

Seit 2003 arbeiten wir mit Leiterinnen und stellvertretenden Leiterinnen der Krippen zum Thema „Die Rolle der Leitung beim Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch“. Schwerpunkt ist das Vorgehen bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch – seit dem vergangenen Jahr auf der Grundlage des §8a SGB VIII. Von Anfang an war es für uns eine große Freude bei diesen Fortbildungen auf kompetentes und motiviertes Leitungspersonal zu treffen, was keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. In solchen Zusammenhängen ist ein themenzentriertes, zielorientiertes und gewinnbringendes Arbeiten möglich, nicht zuletzt deshalb, weil die Umsetzung der Fortbildungsergebnisse gewährleistet ist. Denn noch eines zeichnet den Fachbereich Kinderkrippen aus: eine funktionierende krippenübergreifende Zusammenarbeit. Schon während der Fortbildungen einigen sich die Leiterinnen darauf, wer welchen Inhalt in welche Arbeitsgruppe einbringt, damit daraus in Zukunft ein verbindlicher Standard wird.

Was in allen Fortbildungen für uns als Qualitätskriterium immer hervorstach: Auch wenn die Kinder selbst bei den Fortbildungen nicht anwesend waren, so standen sie und ihr Wohlergehen doch immer im Mittelpunkt und im Interesse der Fachkräfte.

Wenn sich in einer Abteilung gute und kompetente Fachkräfte zusammenfinden, so ist das nicht zufällig. Dahinter stehen Leitungskräfte wie Sie, mit einem hohen Anspruch an Qualität, die in der Lage sind gutes Personal zu binden, zu motivieren und die großen Wert auf kontinuierliche Weiterqualifikation legen.

Dass das Thema „Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch“ im Fachbereich Kinderkrippen einen so hohen Stellenwert einnimmt, liegt sicher nicht zuletzt daran, dass die Ebene Abteilungsleitung das Thema sehr ernst nimmt. In verschiedenen Treffen und Veranstaltungen mit Frau Berchtold als Bereichsleitung, mit der Fachstelle für Fortbildung – Frau Sterr und verschiedenen Fachbereichsleitungen in den Regionen wurde für uns immer wieder das große Interesse deutlich, das Thema nachhaltig auf den unterschiedlichen Ebenen zu verankern und die Umsetzung der erarbeiteten Handlungsstrategien zu gewährleisten. Dies gilt auch für das Thema „Missbrauch durch Professionelle in Institutionen“ und der damit zusammenhängenden Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass pädosexuelle Täter und Täterinnen sich nicht als MitarbeiterInnen Zugang zu einer Einrichtung verschaffen können. Und nicht zuletzt geht es Ihnen auch darum, Strukturen zu schaffen, die bei einem Verdacht auf einen sexuellen Missbrauch, ein rasches und kompetentes Handeln im Interesse eines Kindes möglich machen.

Genau das braucht Prävention: Fachkompetenz und Engagement in allen Bereichen und auf allen Ebenen, Menschen wie Sie, die das Thema ernst nehmen. Nur so kann der Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt gelingen!

Aber: Dies alles kostet Geld, Zeit, ausreichend Raum und qualifiziertes Personal. Leider wird dies nicht immer in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt. Wir leben in einer Zeit, in der vor allem viel über die „Quantitäten“ von Kinderbetreuung diskutiert wird:

  • Ab welchem Alter soll eine Betreuung angeboten werden?
  • Wie viele Betreuungsplätze werden gebraucht?
  • Was für einen Versorgungsgrad haben wir erreicht?

Sicher, auch dies sind wichtige Themen.

Was aber vielfach auf der Strecke bleibt, ist eine Diskussion über die Qualität der Betreuung und hier gerade auch die Notwendigkeit einer qualitativ hochwertigen Betreuung gerade der Kleinsten in unserer Gesellschaft. Eine Diskussion, die wir uns vermehrt wünschen würden.

Meine Kollegin hat es gerade dargelegt, wie wichtig es ist, Zeit zu haben um stabile und verlässliche Bindungen mit den Mädchen und Jungen aufzubauen. Eine Voraussetzung, die für alle weiteren Lernschritte ein zentrales Moment ist. Wie wichtig es ist, Zeit (und damit auch Geld) zu investieren, um für die Kinder Bedingungen zu schaffen, die die Kinder befähigen, eigene Potentiale auszubauen um mit zunehmendem Alter eigene Widerstandspotentiale entwickeln zu können. Und das gilt für jedes Kind, egal was es mitbringt – welchen Förderbedarf es auch hat. Das Stadtjugendamt der LH München hat im Bereich Kinderkrippen hier sehr gute Maßstäbe gesetzt und ein qualitativ hochwertiges Angebot geschaffen.

Deshalb wünschen wir Ihnen, liebe Frau Berchtold, liebes Team – und natürlich auch den Jungen und Mädchen in Ihren Einrichtungen – , dass Sie auch in Zukunft auf PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen hoffen können, die die Qualität und Qualifikation der Einrichtungen gerade für die Kleinsten sehr hoch bewerten.

Wir wünschen Ihnen, dass Ihre Arbeit auch in Zukunft

  • wertgeschätzt wird,
  • weiter unterstützt wird,
  • angemessen ausgestattet wird

und andere Träger – also die Konkurrenzprodukte – an Ihren qualitativen Maßstäben gemessen werden.

Wir freuen uns nun, Ihnen Frau Berchtold, stellvertretend für den Bereich Kinderkrippen der Abteilung Kindertagesbetreuung des Stadtjugendamtes der LH München den Präventionspreis überreichen zu dürfen.

 

2005 Frau Dr. Burkert

praevpreisdrburkert2005 erhielt Frau Dr. Burkert für ihren engagierten und nachhaltigen Einsatz für den Schutz von Mädchen und Jungen den ersten AMYNA – Präventionspreis.

Laudatio als PDF

Laudatio

Redemanuskript Christine Rudolf-Jilg (Mitarbeiterin AMYNA e.V.)

(Es gilt der gesprochene Text)

Sehr geehrte Frau Dr. Burkert,

sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, dass Sie heute alle (so zahlreich) erschienen sind, bedanken uns für Ihr Interesse an der Prävention und dafür, dass Sie durch Ihr Kommen der Veranstaltung einen würdigen Rahmen bieten. Namentlich begrüßen möchte ich […]

Ihr Kommen gilt sicher nicht zuletzt der Hauptperson, Frau Dr. Gertraud Burkert, die am heutigen Nachmittag den AMYNA-Präventionspreis 2005 verliehen bekommt.
Wir vergeben diesen Preis heuer erstmalig. Daher erlauben Sie mir, bevor ich zur Würdigung der Preisträgerin komme, einige Sätze über die Entstehung des Preises und über die Botschaft, die wir mit diesem Preis verbinden möchten.

Die Verleihung des AMYNA-Präventionpreises soll Zeichen setzen!

Als AMYNA sich vor über 16 Jahren in München gründete, wurde als Vereinsziel die Abschaffung von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen formuliert. Die Gründerinnen des Vereins hatten und haben die Vision einer Gesellschaft vor Augen, die frei ist von jeder Form von Gewalt, Sexismus, aber auch Rassismus. Viel ist geschehen in den letzten 16 Jahren. In den Anfängen von AMYNA war sexueller Missbrauch ein stark ausgeprägtes Tabuthema. Man sprach kaum darüber. Heute wird das Thema breit diskutiert, auch in den Medien und gerade bei diesem Thema ist der gesellschaftliche Konsens über alle Parteigrenzen hinweg überwältigend stark ausgeprägt. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen stößt bei nahezu allen Bevölkerungsgruppen auf Ablehnung. Ich denke wir dürfen ohne Übertreibung sagen, dass dies mit ein Erfolg der Einrichtungen ist, die seit Ende der 80iger Jahre dieses Thema an die Öffentlichkeit geholt haben, die gleichermaßen Hilfe für Betroffene eingefordert und präventive Möglichkeiten vermittelt haben.

Wie so oft birgt jedoch auch die Enttabuisierung dieses Themas seine Schattenseiten. Mit dem Wunsch sexuellem Missbrauch etwas entgegenzusetzen, vergrößert sich die Anzahl derer, die häufig gutwillig, manchmal aber auch aus schnödem Geschäftsinteresse heraus „etwas zum Schutz der Kinder tun wollen. Diese Entwicklung beobachten wir mit Sorge, denn vielfach werden Initiativen ohne die nötige Fachkompetenz gestartet.

An Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern stellt die zunehmende Angebotsvielfalt hohe Anforderungen. Denn sie müssen entscheiden, welche Angebote zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch erfolgreich sind. Ist es das Bilderbuch für die Kleinen, das kostenlos an der Grundschule an alle Kinder verteilt wird? Oder ist es der Selbstverteidigungskurs, den der pensionierte Polizeibeamte anbietet? Oder das Theaterstück, das die Schule für die Schüler/innen engagiert?

Immer wieder zu erläutern, worauf es bei der Prävention von sexuellem Missbrauch vorrangig ankommt, nämlich dass Erwachsene die Verantwortung für die ihnen anvertrauten Kinder verstärkt übernehmen, dies ist eine der Aufgaben unseres Instituts. Deutlich machen wollen wir trotzdem, dass gewisse Standards in der Präventionsarbeit nicht täglich neu zu diskutieren oder zu verhandeln sind. Daher hat der Verein AMYNA e.V. beschlossen, durch die Verleihung des AMYNA Präventionspreises darauf hinzuweisen, dass Prävention nicht beliebig sein kann und beileibe nicht zum Nulltarif zu haben ist.

Prävention hat ihren Preis!

Was muss Prävention leisten? Wie sehen qualitativ hochwertige und sinnvolle Präventionsangebote aus?

  • Kein Kind kann sich alleine vor sexuellem Missbrauch schützen – je jünger, umso weniger. Präventionsarbeit muss sich deshalb zuerst an Eltern und Fachkräfte wenden, die mit den Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Sie sind für den Schutz von Mädchen und Jungen verantwortlich und müssen gut informiert sein, um dieser Verantwortung nachkommen zu können. Gute Prävention nimmt also die Erwachsenen in die Pflicht!
  • Prävention brauch Interventionskompetenz! Präventionsarbeit kann immer auch aufdeckend wirken. Deshalb braucht jede Form von Präventionsarbeit Interventionskompetenz und muss mit entsprechenden Einrichtungen gut vernetzt sein. Gute Prävention bedeutet also immer auch gute Vernetzung mit anderen Einrichtungen vor Ort! Die Vermittlung von Interventionsmöglichkeiten muss am Kindeswohl orientiert sein und die rechtlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen.
  • Prävention ist keine Eintagsfliege! Einmalige Präventionsangebote reichen weder für Erwachsene noch Kinder aus. Prävention ist eine Erziehungshaltung, die auf Fachkompetenz bzw. Wissen aufbaut. Insbesondere das Wissen zu Tätern, Täterinnen und Täterstrategien sind Voraussetzung, um den Erwachsenen realitätsbezogene und damit wirkungsvolle Ansatzpunkte für Prävention von sexuellem Missbrauch vermitteln zu können. Hier bezieht Prävention immer parteilich Stellung. Sie hat eine klare Haltung gegenüber Tätern und Täterinnen und macht deutlich, dass kein Kind, egal unter welchen Umständen der sexuelle Missbrauch stattfand, Schuld bzw. Mitschuld an dem Übergriff hat.
  • Gute Prävention ist rollen- und gesellschaftskritisch! Sie weiß um gesellschaftliche Strukturen, die Missbrauch begünstigen können und zeigt existierende Probleme auf, um Kinder und Jugendliche besser schützen zu können. Gerade die Weitervermittlung traditioneller Geschlechterrollen bergen Gefahren. Die Unterstützung der Entwicklung von Mädchen und Jungen, egal welcher Herkunft, zu gleichermaßen unabhängigen wie sozialkompetenten, selbstbewussten Individuen, unabhängig von tradierten Rollenbildern, ist ein Puzzlestein guter Prävention.
  • Prävention nimmt auch spezielle Risikogruppen ins Blickfeld und entwickelt passgenaue zielgruppenspezifische Angebote. Gute Prävention weiß, dass der Schutz von Mädchen und Jungen vor sexuellem Missbrauch nicht für alle Kinder und Jugendlichen gleich aussieht, sondern vielmehr eine komplexe, dauerhafte Aufgabe darstellt und es unterschiedliche Gefährdungssituationen gibt. Die Risiken und Gefährdungen sind z.B. abhängig von Alter, Geschlecht, Familiensituation, Behinderung, Aufenthaltsorten, Herkunft und Lebenssituation der Eltern und vielem mehr. Gute Prävention schert daher nicht alle Kinder und Eltern über einen Kamm! Gute Prävention ist daher immer auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, für bestimmte Zielgruppen sehr niedrigschwellig und wenn nötig auch aufsuchend!
  • Präventive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist trotz allem Vorgenannten wichtig und dann sinnvoll, wenn sie von Menschen vermittelt wird, die sich mit der Thematik auskennen. Am besten werden präventive Inhalte in den Alltag in Einrichtungen und in den Familien integriert. Unterstützend können Präventionsprogramme wirken, lt. Internationalen Untersuchungen vor allem dann, wenn sie mehrmalig stattfinden und die Kinder sich aktiv durch praktische Übungen oder Rollenspiele beteiligen können
  • Und last but not least: Prävention macht Spaß und ermutigt, statt Angst zu machen! Gute Prävention versteht die Kunst, komplexe Inhalte und umfangreiches Wissen so zu vermitteln, dass Lösungswege und Ansatzpunkte im eigenen Leben sichtbar werden. Gute Prävention gibt Kraft und Energie zum langfristigen, differenzierten Schutz von Mädchen und Jungen, ohne auf schnelle einfache Rezepte zu setzen.

Weniger sinnvolle Angebote sind in unseren Augen also all die, die sich primär ausschließlich mit kurzen Angeboten direkt an die Kinder bzw. Jugendlichen richten, ohne in ein Gesamtkonzept der Prävention eingebunden zu sein. Das kann ein Theaterstück sein, das einmalig gezeigt, mehr Probleme und Ängste schafft, als Kinder wirklich zu unterstützen und zu schützen! Das kann ein Selbstbehauptungskurs sein, der Kinder, die sich als betroffen zu erkennen geben, nicht auffängt. Oder der, der Kindern oder Eltern nur Angst vor dem Fremdtäter macht und ihnen einige Abwehrtechniken beibringt, die im Zweifelsfall nichts nützen. Das kann aber auch ein Kurs in der Schule sein, in dem die Lehrerin mit Kindern zum Thema arbeitet, ohne wirklich zu wissen, an wen sie sich im Fall der Fälle hinwenden kann. Die Befürchtung ist angebracht, dass all diese Angebote Kindern und Jugendlichen mehr schaden als nützen, denn sie vermitteln eine Sicherheit, die in Wahrheit keine ist. Neben eigenen Kompetenzen, zu ihrem Schutz brauchen Mädchen und Jungen immer auch informierte Erwachsene, die wissen was zu tun, ist, wenn ihnen ein Kind von sexuellem Missbrauch erzählt. Und auch im Bereich der Prävention haben nur Erwachsene die Möglichkeiten das familiäre Umfeld und das Umfeld in den Einrichtungen in denen sich Kinder und Jugendlich aufhalten so zu gestalten, dass es für Täter und Täterinnen unattraktiv wird.

Die Stadt München hat früh erkannt, dass Prävention gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen einen festen Stellenwert braucht. Um aber die Idee tatsächlich in die Tat umsetzen zu können und über die Jahre hinweg Schritt für Schritt in der Jugendhilfe und in anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche zu verankern, braucht es Menschen an entscheidenden Stellen, die wirklich an der Thematik interessiert sind, die zuhören und sich kritisch auseinandersetzen.

Frau Dr. Burkert hat die Präventionsarbeit schon als Stadträtin, noch vor Übernahme ihrer Aufgabe als Bürgermeisterin, unterstützt. Als AMYNA vor vielen Jahren das Konzept für die Arbeit des Instituts in der SPD-Stadtratsfraktion vorstellte, war sie dabei und hat die Notwendigkeit dieser Arbeit bereits damals erkannt und betont. Sie unterstützte den Antrag auf Einrichtung der beantragten Personalstellen im Stadtrat und trug so maßgeblich dazu bei, dass das damalige „Projekt zur Prävention von sexuellem Missbrauch“, heute „Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch“ realisiert werden konnte. Deshalb hat die Mitrauenversammlung unseres Vereins im November 2005 einstimmig beschlossen Frau Dr. Burkert diesen erstmalig ausgelobten AMYNA-Präventionspreis zu verleihen.

Sie ist eine, die aus dem Stegreif zum Sinn und der Aufgabe von Prävention und zur Verantwortung von Tätern und Täterinnen referieren kann und dabei nicht falsch liegt. Die Verantwortung von Erwachsenen zum Schutz von Kindern hat sie immer wieder betont, aber auch selbst übernommen. Ihre klare und immer deutliche Parteinahme für Kinder und Jugendliche war ein herausragendes Merkmal ihrer Arbeit als Bürgermeisterin. Sie hat als Bürgermeisterin, weit über das normale hinaus, die Interessen von Kindern und Jugendlichen gegenüber Erwachsenen betont und deren Berücksichtigung eingefordert. Die Entwicklung eines kinderfreundlichen Klimas in der Stadt war ihr in all den Jahren ein Herzensanliegen. Als Vorsitzende des Kinder- und Jugendhilfeausschusses hat sie daher ebenfalls immer wieder die Interessen der Kinder und Jugendlichen betont und in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.

Als AMYNA, IMMA und der Frauennotruf vor mittlerweile vier Jahren die Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen“ als Präventions- und Interventionsprojekt vor und auf dem Oktoberfest installieren wollten, hat sie bereitwillig die Schirmfrauschaft übernommen und durch starke persönliche Unterstützung zur erfolgreichen Realisierung und Umsetzung des Projektes jedes Jahr beigetragen.

Frau Dr. Burkert wusste immer, dass Prävention kein „Schnellkurs für Kinder sein“ kann und sein darf und hat die Verantwortung von Erwachsenen immer wieder hervorgehoben. Als wir die Modalitäten der heutigen Feierstunde mit ihr besprechen wollten, meinte sie: „Prävention braucht Öffentlichkeit in der heutigen Zeit, organisieren Sie die Veranstaltung so, dass sie für Ihre Arbeit was bringt“.

Herzlichen Dank für diese Bescheidenheit und Ihre unbedingte Loyalität mit den Kindern und Jugendlichen, sehr geehrte Frau Dr. Burkert.

Frau Dr. Burkert, Sie waren uns in all den Jahren immer ein wohlwollendes, nie jedoch kritikloses Gegenüber. Bis heute haben Sie immer wieder deutlich gezeigt, dass Ihnen der Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch sehr am Herzen liegt. Wir, bei AMYNA, denken gerne an die vielen Jahre, in denen Sie uns und unsere Arbeit immer mit der nötigen Klarheit und Verbindlichkeit wahrgenommen und unterstützt haben. Wir möchten uns daher an dieser Stelle bei Ihnen im Namen des Vereins und Instituts, vor allem aber im Namen der Kinder und Jugendlichen in München bedanken, zu deren Schutz Sie kompetent, stark und verantwortungsbewusst beigetragen haben. Wir versprechen Ihnen, dass wir die Aufgabe des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch in München in Ihrem Sinn weiterführen werden und hoffen, dass Sie uns auch weiterhin gewogen bleiben.

Sehr geehrte Frau Dr. Burkert, wir freuen uns sehr, dass wir Ihnen heute als kleine Anerkennung und als kleinen Dank für Ihre herausragende Arbeit zum Schutz von Kindern und Jugendlichen in München den AMYNA-Präventionspreis 2005 als erster Preisträgerin überreichen dürfen!