300 kByte Angst

Boris Koch

Gulliver von Beltz & Gelberg

ISBN: 978-3-407-74096-0

Bender, der auf einem Konzert der Doe Family seine besten Freunde bei deren Auftritt filmt, findet im Anschluss daran ein merkwürdiges Video auf seinem Handy. Dieses zeigt ein junges Mädchen, welches von zwei maskierten Männern misshandelt wird. Bender und dessen Freund Mark, Bassist der besagten Band, beginnen nun Recherchen bezüglich dieses Videos anzustellen, um herauszufinden, um welches Mädchen es sich handelt und um die Täter schnellst möglich ausfindig zu machen. Die Suche scheint jedoch nicht ganz so einfach zu sein wie anfangs gedacht, und alle Beteiligten tauchen tiefer in die Problematik sogenannter Slapping-Filme ein. Einerseits Mark, der einen Artikel über diese Filme schreiben möchte, aber auch sein kleiner Bruder Sandro, der nach und nach immer tiefer in die Szene hineinrutscht und am Schluss selbst vom Helfer bzw. Täter in die Rolle des Opfers gedrängt wird

 

Boris Koch zeigt in seinem Buch ein dunkles Kapitel in der Welt der neuen Medien auf. Authentisch schildert er den Umgang der Jugendlichen mit Handys und zeigt, dass es heutzutage schon fast Pflicht ist, Gewaltvideos, oder sog. Slapping-Filme auf seinem Handy zu haben. Durch seinen lockeren Schreibstil und durch seine sehr echt wirkenden Figuren, fällt es den LeserInnen sehr leicht, sich genau in dieses Milieu hineinzuversetzen, mit den Hauptdarstellern mitzufiebern, aber auch gleichzeitig etwas über die Probleme, die sich mit solchen Videos verbinden, vor allem (sexualisierte) Gewalt, zu erfahren.

Dass es sich um ein Jugendbuch handelt, wird schnell ersichtlich, vor allem durch seine klare, aber auch einfache, im Jungendstil gehaltene Sprache, aber auch, weil generell mit dem Thema sexueller Missbrauch sehr bedeckt umgegangen wird. Was ich persönlich sehr schade finde ist, dass die Jugendlichen untereinander versuchen, mit ihren Problemen fertig zu werden, sich also keine kompetente Hilfe und Unterstützung suchen. Hier wäre es möglicherweise vorteilhaft gewesen, auch auf gewisse Beratungsstellen hinzuweisen, damit Jugendliche, die dieses Buch lesen, im Ernstfall wissen, dass sie sich solchen Institutionen anvertrauen können und gar nicht erst auf die Idee kommen, selbst aktiv zu werden und sich damit in Gefahr zu begeben.

Ebenfalls schade erscheint mir, dass das Buch an machen Stellen leider sehr oberflächlich geschrieben ist, gerade dann vor allem, wenn es um die Gefühle der einzelnen Personen geht. Für LeserInnen, die vielleicht etwas sensibler sind, scheint dies genau der richtige Ansatz zu sein, denn so bleibt es ihnen erspart, sich zu viele Gedanken bezüglich der Personen zu machen und nicht ganz so betroffen zu sein. Andererseits sollte solch ein Buch aber eben gerade diese Wirkungen hervorrufen, um den LeserInnen unmissverständlich klar zu machen, das sexueller Missbrauch kein Tabuthema in unsere Gesellschaft sein darf und dass man dringend dagegen vorgehen muss.

Generell würde ich das Buch Jugendlichen ab einem Alter von ca. 15/16 Jahren empfehlen. Als Schullektüre könnte dieses Werk ebenfalls sehr dazu beitragen, sich mit dem Thema Gewalt und Gruppenzwang auseinanderzusetzen und die möglichen Hintergründe und Motive in Erfahrung zu bringen.

(Daniela Röhricht, 19 Jahre, Praktikantin)


Bender (16), erhält auf mysteriöse Art und Weise auf sein Handy über Bluetooth einen Videoclip zugespielt. Er zeigt die Vergewaltigung eines jungen Mädchens durch zwei Männer, die Gorillamasken tragen. Ist der Clip gefaked oder echt? Gemeinsam mit seinem Freund Mark (15) und dessen Bruder Sandro (13) beginnt er dieser Frage nachzugehen. Sabine ist das Mädchen, das der Clip zeigt, soviel stellt sich bald heraus. Sie leugnet eine „reale“ Vergewaltigung, zeigt allerdings „seltsame“ Verhaltensweisen. Mark recherchiert für einen Internetartikel theoretisch zu Hintergründen von „Happy Slapping“, während Sandro ohne Wissen der anderen über die Schule und Freunde ganz real in den Sog der Videoclips gerät und schließlich selbst welche produziert. Bender versucht, die Reaktion des Mädchens und die Hintergründe der Gewalttaten zu verstehen. Die Situation eskaliert, als Sandro selbst Opfer eines „Happy Slapping“-Angriffs der „Gorillas“ wird. Können die Freunde, unterstützt von Sabine, Sandro retten?

 

Die spannende Geschichte, die Boris Koch erzählt, kommt ohne pädagogischen Zeigefinger daher. Das Buch will nicht in erster Linie Empathie für die Gefühle der Opfer von Happy Slapping wecken, zentral ist die Suche nach den Auslösern und Ursachen für solche Gewalttaten. Sandro und Mark, die beiden Brüder, suchen dabei auf zwei verschiedene Arten nach einer Antwort auf eine Frage, die unsere Gesellschaft bewegt. Sandros realer Weg in die Gewalt zeigt dabei die höchstmögliche (gefährliche) Annäherung an ein Problem, das eine hohe gesellschaftliche Relevanz hat. Die Begrenztheit von Hilfe und Unterstützung durch Erwachsene und die Bedeutung von Peer-Groups, die ganz wesentlich zu Meinungs- und Wertebildung in diesem Alter beitragen, wird dabei sehr deutlich.

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, das nachdenklich macht. Seine Stärke dürfte vor allem darin liegen, Erwachsenen bestimmte Problem und Lebenslagen von Jugendlichen nahezubringen und die Grenzen der eignen Hilfsangebote kritisch zu hinterfragen. Wann und wie können Erwachsene auf Wertehaltungen, die in Peer-Groups das Leben und das Verhalten Jugendlicher nachhaltig beeinflussen, einwirken und diese verändern? Ich habe durch dieses Buch noch keine Antworten gefunden, mir die Frage aber wiederholt gestellt. Ein positiver Anfang für einen nötigen Denkprozess!

Aber auch Jugendliche (ab ca. 13-14 Jahren), ausnahmsweise auch mal Jungen, die bei diesem Thema sonst fast ausschließlich in der Täterrolle skizziert werden, dürften dieses Buch gerne lesen. Es ist flüssig und verständlich geschrieben; die (vor allem männlichen) Protagonisten des Buches sind liebenswert und kämpfen mit ganz individuellen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Bender ist um Beispiel laufend mit der Frage konfrontiert, wie er seine Beziehung zu seiner Freundin Manu trotz der alltäglichen Schwierigkeiten dauerhaft positiv gestalten kann. Sandro sucht, oft zerrissen zwischen Idolen und eigenen Wertvorstellungen, vor allem nach Anerkennung und Freundschaft und Mark bewältigt viele Probleme und Entscheidungen zunehmend alleine ohne die Hilfe von Familie und Freunden.

Dass Sabine und die (tatsächlich reale) Vergewaltigung während der gesamten Geschichte etwas „blass“ bleiben, ist einerseits bedauerlich, andererseits jedoch sicherlich nötig, damit sich die Geschichte nicht zu sehr aufsplittert. Die Story wird besonders dann stark und farbig, wenn es um die Frage geht, ob und wenn ja, warum jemand zum Täter wird. Mögliche Auswege aus der Gewaltspirale werden so für Jugendliche nicht einfach, aber immerhin zur Diskussion gestellt. Ein Buch, das sich sicherlich auch für die Klassenlektüre eignet, aber dialogbereite LehrerInnen erfordert, die sich mit den Jungendlichen auf die Suche nach gemeinsamen Werten begeben wollen.

Christine Rudolf-Jilg (AMYNA)

 

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